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Der Sommer war ins Land gezogen. Die heilende Kraft der Sonne und die Farbenpracht der Natur öffneten die Herzen der Menschen. Der Rhein zeigte sich in einem faszinierenden Kleid. Wie mit einer Silberfolie überzogen, nahezu geräuschlos, nahm er seinen Weg. Es schien, als sei er ein wenig müde geworden auf seinem langen Weg. Unendliche Geschichten vermag uns der Rhein zu erzählen. Von Menschen, die ihn besingen und von Menschen, die sich aus Verzweifelung in seine Tiefe stürzen. Aber auch von Menschen, die bei ihm Trost und Entspannung suchen. Unzählbare Tränen werden schon mit ihm dahin geflossen sein. Doch all diese Geheimnisse wird er schweigend in sich tragen und unbeirrt seinen Weg fortsetzen. Vorbei an der Stadt, die einst als Siedlung der germanischen Ubier galt und vor mehr als einem halben Jahrtausend als Mitglied der Hanse zu Reichtum und Macht gelangte. Hier in Köln, auf den Stufen zum Dom, saß ein junger Mann. Es war Chris. Sein blasses, sorgenvolles Gesicht und die zitternden Hände waren sichtbare Zeichen einer Krankheit, die er wohl kannte, für sich jedoch nicht akzeptierte. Die Seele weinte und das Herz begann, an Kraft zu verlieren. Das grelle Licht der Sonne ließ seine trüben, graublauen Augen schmerzen. Starr und traurig zugleich schauten sie in eine Welt, die den Frieden pries und den Krieg meinte. Eine Welt, die schon längst ihren einstigen Glanz verloren hatte. Köln, die Großstadt am Rhein war vor mehr als acht Jahren in den Mittelpunkt seines Lebens getreten. Die Vergangenheit dieser Metropole hatte ihn immer wieder begeistert. Unzählige Male stand er vor den Resten der römischen Stadtmauer. Jede freie Minute nutzte er, um die zahlreichen Museen und Theater zu besuchen. Diese Stadt hatte ihn in ihren Bann gezogen und seinem Leben einen neuen Sinn gegeben. Hier fand er eine neue Partnerin, die ihn aufnahm in einer schmerz-lichen Zeit der Trennung von seinen kleinen Kindern. Doch das Leben schrieb ein neues Drehbuch für Chris und er spürte, dass er mehr als diese mitreißende Stadt und ihre Bewohner verloren hatte. Tiefe Einsamkeit erfasste ihn. Unsicher schaute er um sich. Da standen fröhliche, junge Leute beieinander. Ihr herzhaftes Lachen und ihr rheinischer Dialekt ließ sie liebenswürdig er-scheinen. Selbstbewusst genossen sie das Flair ihrer Stadt. Für einen kleinen Moment erwachte in Chris der Wunsch, in ihrer Mitte zu sein. Sie zogen ihn in ihre Welt und ließen ihn unbemerkt teilhaben an ihrer Lebens-freude. Bewegt, verlegen und gerührt zugleich, blätterte er in der Tageszeitung.
 

...muss ich denn erst sterben, um zu leben?
Leseprobe 2


 

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foto: micha golz | Quelle: PhotoCase.de
   
 
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