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»Was ist nur los mit mir?«, fragte sich Chris, als er anfing, über sein Leben nachzudenken. Die Erinnerung entführte ihn in eine längst vergangene Zeit und ließ die Gedanken hin und her springen. Von seinen kleinen Söhnen in die eigene Kindheit und von den jungen Leuten auf dem Domplatz in die Jugendzeit. Freude und Schmerz waren Ausdruck dieser wechselhaften Gefühle. »Warum«, flüsterte Chris kaum hörbar, »warum lasse ich nicht die schönen Erlebnisse meiner Kindheit und Jugend aufleben, um Kraft für einen Neubeginn zu sammeln?« Gleichzeitig fragte er sich, wie lange er ohne die Gegenwart auskommen würde. Gedanken, Gefühle und Erinnerungen bewegten ihn und zurück kam die Angst. Die Ungewissheit vor der Zukunft jedoch, schien ihn zu erdrücken. Begleitet von Furcht, Selbstmitleid und Trau-er erinnerte sich Chris daran, dass er eigentlich dieses Gefühl der Lebensangst gar nicht kannte. Längst hatte er erfasst, dass die gegenwärtige Art in Sorgen und Ängsten zu leben, ebenso ein Teil von ihm ist, wie die Zeit der Lebensfreude und des Lebensmutes. Als ihm klar wurde, dass er die Hälfte des Lebens bereits hinter sich hatte, wuchs in ihm der Wunsch, sein Leben zu ändern. Chris wusste, dass ein mühsamer Weg vor ihm lag. Heute siegte die Angst und es fehlte ihm die Entschlossenheit zur Auseinandersetzung mit ihr und mit sich selbst. Der Gedanke aber, allein zu sein, ließ ihn nicht ruhen. Chris brauchte Menschen um sich herum, mit denen er lachen und weinen, aber auch ergiebige Gespräche führen konnte. Nicht zuletzt Menschen, die seine Hilfe suchten. Gleichzeitig vermisste er Freunde, denen er sich hätte anvertrauten können. Freunde, deren Hilfe er so drin-gend benötigte. Er musste nur auf sie zugehen. Doch dazu besaß er nicht mehr die Kraft und es hinderte ihn der Rest an Stolz, den er sich bewahrt hatte. Schließlich fehlte ihm die Anerkennung, die er seit der Sucht suchte. Ein kleines Lob nur zur Stärkung seines ge-störten Selbstbewusstseins. Wie eine Schlange legten sich quälende Fragen, Zweifel und Ängste um seinen Hals und nahmen ihm die Luft zum Atmen. So beschloss Chris, die Vergangenheit aufleben zu lassen. Sie erneut in der Erinnerung zu durchleben. Nur so, glaubte er, könne er sich von den vielen Ängsten befreien. Ängste und Zweifel, die ihn begleiteten, ihn lähmten und viel-leicht in die Alkoholabhängigkeit trieben. Sie verfolgten ihn Tag und Nacht und ließen ihn nicht mehr ruhen. Sie wühlten in seiner Seele und machten ihn lebensuntüch-tig. Dieses engmaschige Netz von Problemen wollte Chris durchtrennen. Oberflächlich schaute er in die Tageszei-tung. »Muss ich denn erst sterben, um zu leben?«, rief er, ehe er sich auf den Weg in die Gegenwart begab. Der leichte Sommerwind trug seine Worte hinaus in die endlose Weite des Horizontes. Es sollte ein schwieriger, von Rückschlägen gezeichneter Weg werden. Nicht nur zurück in die Gegenwart, sondern in eine ungewisse Zukunft.
 

Und mit den Tränen kam die Angst
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foto: micha golz | Quelle: PhotoCase.de
   
 
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